Beispiele für Anschreiben

In diesem Bereich finden Sie erfolgreiche und kommentierte Musteranschreiben von WissenschaftlerInnen für Stellen als ProfessorIn, PatentprüferIn und im Vertrieb. 

Willkommen zum Anfang Ihres Anschreibens – das vielleicht das einzige ist, was Ihr Leser von Ihrer Bewerbung sieht, bevor er sie in den Abgrund schickt – den Papierkorb! Hilfe! Ein kreativer Text, der auf keinen Fall jemanden nerven soll? Der herkömmliche Weg, mit diesem Problem umzugehen, besteht darin, zu versuchen, es zu umgehen und Ihre Leser mit Sätzen wie diesen in einen gemütlichen Büroschlaf zu lullen:

„Hiermit bewerbe ich mich um die Stelle als blabla.“ Aber dann haben Sie die beste Chance verpasst, Interesse zu wecken. Mit so einem Start haben Sie nur nformationen gegeben, die die Gegenseite bereits hat – sie haben diese Position selbst geschrieben! Keine Panik, in den drei bereitgestellten Beispielen finden Sie einige Ideen, wie Sie das Problem eines guten Starts angehen können.

Professur an einer Fachhochschule (FH)

 

„Ist es möglich, als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Industrie, zwischen Forschung und Anwendung zu fungieren und gleichzeitig intensiv in der akademischen Lehre zu arbeiten? Um diese Frage zu beantworten, habe ich den Kontakt zu FH-ProfessorInnen gesucht, die ihre Einblicke in den Beruf mit mir geteilt haben. An den Beschreibungen ihres Lebens als FH-ProfessorInnen hat mich besonders gereizt, dass der direkte Kontakt zu den Studierenden mehr Gewicht hat als an einer Universität.“

 


Um die Aufmerksamkeit für das, was in Ihrer Bewerbung folgen soll, zu erregen, müssen Sie keine dreisten Dinge tun, kleine Änderungen am erwarteten Textfluss können bereits ausreichen. Hier wurde der erste Satz einfach zu einer Frage an die Leserschaft gemacht und diese so aktiv in das Geschehen miteinbezogen. Nach zwanzig Briefen, die alle mit „Hiermit bewerbe ich mich…“ beginnen, wird die Leserin nach diesem Beginn hoffentlich zur Lesebrille greifen.

Dieser Absatz umgeht auch eine weitere Falle: die Informationsüberflutung. Das sieht typischerweise so aus:

„Hiermit… meine bisherigen Erfahrungen/ Kenntnisse in A,B,C… sowie… machen mich zur idealen Kandidatin für eine Position, die insbesondere D,E und F bei einem für G, H und I bekannten Arbeitgeber erfordert."

Nach dem Lesen eines solchen Satzes fällt es Ihnen schwer, sich auch nur an eine der vielen Tatsachen zu erinnern, die ungeordneten Informationsschnipsel werden im Kopf des Lesers zu einer großen Unschärfe.

Im Beispielabsatz oben werden nach dem Anfangssatz nur zwei Angaben gemacht:

  1. Die Bewerberin hat ihre Hausaufgaben gemacht und aktiv Kontakt zu Fachleuten in ihrem Zielbereich aufgenommen. Implizit wird die Information übermittelt, dass die Bewerberin diese Fachkräfte identifizieren und mit ihnen in Kontakt treten kann.
  2. Der Kontakt zu Studierenden steht für sie bei der Berufswahl an erster Stelle. Dieses Argument wird nicht dadurch verwässert, dass hier viele weitere (verwirrende) Fakten genannt werden.

Ohne zu viele Informationen in den Anfangsabsatz zu laden, sollte die Leserschaft bereits ein konkretes Bild von einer proaktiven Person haben, die weiß, was der Job mit sich bringt und sich für die besonderen Herausforderungen dieses Jobs begeistert.

Noch ein Detail zu diesen wenigen Zeilen: Die Bewerberin verweist auf KollegInnen der Leserschaft. Obwohl es sich um eine anonyme Referenz handelt, hebt es den Bewerber dennoch aus der Anonymität heraus. Noch stärker ist es, jemanden zu erwähnen, den der Leser namentlich kennt, z. g. „Bei einem Gespräch mit Ihrem Kollegen Dr. Kulinsky hat sich mein positiver Eindruck über die Arbeit in Ihrem Unternehmen noch verstärkt.“ Auf diese Weise wird die Bezugsperson als lebendiger Bestandteil Ihrer Bewerbung in das Anschreiben eingebracht, was ein vollständiges Ignorieren Ihrer Bewerbung erschwert. Ein solcher Hinweis kann an verschiedenen Stellen im Anschreiben platziert werden, am häufigsten ist jedoch der Anfang, da er ein sehr wichtiger Punkt ist und Ihre Bewerbung möglicherweise vor der drohenden Gefahr, dem Papierkorb, bewahrt.

Vertrieb/ Verkauf

 

„Meine ersten Erfahrungen in der Dienstleistungsbranche konnte ich in der Gastronomie meiner Eltern sammeln. Der persönliche Kontakt zu den Kunden war mir immer ein großes Anliegen. Der Grund dafür war damals einfach: Ich konnte das erhaltene Trinkgeld durch Freundlichkeit steigern.

Heute, 15 Jahre später, habe ich in Mikrobiologie promoviert. Die Freude am Umgang mit Menschen, an der Beratung sowie an der Arbeit im Verkauf ist mir stets geblieben.“

 

Der erste Absatz ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man mit einem unerwarteten Beginn des Anschreibens Aufmerksamkeit erregen kann. Eine kleine Geschichte aus der Kindheit wird erzählt. Das als solches ist sicherlich ungewöhnlich genug, um den Leser aus dem Schlaf zu reißen. Gleichzeitig stellt das Beispiel einen engen Bezug zur Position her, bildet eine schöne Brücke und gibt einen sympathischen Einblick in die Persönlichkeit des Bewerbers. Auch hier ist die Geschichte keineswegs mit Informationen überfrachtet, eigentlich wird nur die Arbeit im elterlichen Betrieb explizit transportiert. Alle Informationen werden indirekt durch das Bild des Bewerbers transportiert, das im Kopf der Leserin entsteht:

 

  1. Einen unternehmerischen und dienstleistungsorientierten familiären Hintergrund.
  2. Von früher Kindheit an entwickelter Geschäftssinn.
  3. Verbindung eigener finanzieller Interessen mit Kundenzufriedenheit.
  4. Offen genug, um (unverfängliche) Angaben zum privaten Hintergrund zu machen.
  5. Kreative Person, die solch ungewöhnliche Einstiegsabsätze wagt.

 

Die Leserin ist von Anfang an in diesen Brief eingebunden.

PatentprüferIn beim Europäischen Patentamt (EPA)

 

„Als meine Mutter mich als Achtjährige fragte, was ich werden möchte, sagte ich streng: „Ich will Patentprüferin werden.“

Was macht diese Behauptung so unverschämt unglaubwürdig? Wahrscheinlich ist es die Tatsache, dass es in diesem Alter undenkbar wäre, einen Job mit einer so ungewöhnlichen Konstellation von Aufgaben und zugrunde liegenden Interessen attraktiv zu finden. Und obwohl LEGO nach „The Hobbit“ und „The Superhero“ nun auch „The Scientist“ vermarktet, scheint es immer noch unmöglich, „The Patent Examiner“ zu entwerfen. So wurde ich, wie die Kinder von heute, damals davon abgehalten, ein so positives Urteil über das Patentwesen zu fällen.

Aber heute, als Erwachsener, könnte ich eine so entschiedene Antwort geben. Ja, ich möchte mich täglich neuen intellektuellen Herausforderungen stellen. Ja, ich möchte in einem sehr internationalen Umfeld arbeiten. Und ja, ich möchte mich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben in ein neues Fachgebiet einarbeiten. Ich möchte Patentprüfer beim EPA werden und den Innovatoren von heute ein kritisches, faires und sachkundiges Gegenüber sein.“

 

Hier ein Beispiel aus dem Bereich 'suizidale' Anfänge. Eine Bewerbung bei einer öffentlichen Einrichtung voller lebenslanger MitarbeiterInnen, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als Patente auf ihre Gültigkeit zu prüfen. Die Bewerberin hat die Nerven, in einem kreativen Ton zu schreiben, als würde sie sich auf eine Stelle an einer Journalistenschule bewerben. Warum um alles in der Welt?

Der Grund für solch ein 'riskantes' Vorgehen liegt in einem Grundprinzip:

„Schreiben Sie riskante Bewerbungen, wenn die Situation prekär ist, schreiben Sie vorsichtige, wenn Sie sich sicher fühlen.“

Das klingt, gelinde gesagt, kontraintuitiv. Das Schreiben einer Bewerbung ist jedoch eine Aktivität, die sich von den meisten anderen in unserem Leben unterscheidet. Beim Autofahren sollten Sie bei unsicheren Straßen vorsichtig sein. Beim Autofahren ist das normale Szenario, sicher anzukommen. Die Strafe für Versagen kann im schlimmsten Fall den Tod bedeuten, der Vorteil einer riskanteren Fahrweise ist verschwindend gering. 

Bei Bewerbungen ist das Gegenteil der Fall. Die meisten Ihrer liebevoll gestalteten Bewerbungen führen nicht zu einer Einladung oder gar einem Stellenangebot. Die Strafe für einen solchen Ausfall ist gering, der 'Verlust' beträgt nur ein paar Stunden Ihrer Zeit. Der zu gewinnende Preis hingegen ist toll – das heiß begehrte Stellenangebot! Dies ist der Grund für diesen 'kontraintuitiven' Wechsel im Umgang mit dem Risiko einer Bewerbung im Vergleich zu den meisten anderen Aktivitäten in Ihrem Leben.

Durchschnittliche Bewerbungen, die von durchschnittlichen Bewerbern für durchschnittliche Positionen geschrieben werden, können eine Erfolgsquote von 1-5 % haben, abhängig von vielen Faktoren. Bei Bewerbungen bei hochkarätigen, international tätigen Arbeitgebern wie dem EPA ist davon auszugehen, dass die Erfolgsaussichten für alle bis auf die besten Bewerber weit unter 1 % liegen. Was haben Sie also zu verlieren? Ein langweiliger Anfang des Anschreibens senkt Ihre Chancen auf genau 0%, Sie kommen einfach nicht aus dem Meer der Bewerbungen heraus. Ein 'riskanter' Start, wie oben dargestellt, hat eine kleine Chance, dem Leser gerade das gewisse geistige Kitzeln zu geben, Ihre Bewerbung zur weiteren Bearbeitung zu legen. Das einzige Risiko besteht darin, dass eine anonyme Sachbearbeiterin, die für die Vorsortierung zuständig ist, Sie für etwas komisch hält. Wen interessiert das?

Das andere Extrem des Spektrums sind Bewerbungen, die 'sicher' sind: Sie haben eine gute Chance auf eine Einladung, weil Sie sehr gut in die Stellenbeschreibung passen oder weil Sie bereits einen Fuß in der Tür haben, indem Sie eine Insiderin kennen. Tatsächlich sind dies die wirklich brenzligen, da Sie jetzt etwas Wesentliches zu verlieren haben. In diesem Fall besteht die Herausforderung darin, das Erreichte nicht zu verlieren! Wenn Sie Pech haben, dann gibt es nur diesen einen notorisch frustrierten, nörgelnden Menschen im Komitee, der seinem Ärger über Ihre Bewerbung Luft macht, weil ihm Ihr Gesicht nicht gefällt. Der Grund hinter dem Schreiben einer langweiligen und fehlerfreien Bewerbung ist also, die Negativität dieser Person nicht zu schüren.

Beispiel 3 könnte dem Bewerber also eine 90-prozentige Chance geben, in der Vorauswahlphase aussortiert zu werden. Groß! Viel besser als die 99% für ein langweiliges Anschreiben!

Eine Anmerkung zum Schreibstil. Im letzten Absatz von Beispiel 3 wird eine typische Triade von Argumenten in jeweils einen einzigen Satz mit je demselben Satzanfang gepackt, anstatt sie einfach in einen einzigen Satz zu packen, wie „Ja, ich möchte A, B und C“. Dieses Stilmittel versucht durchaus, Spannung aufzubauen, die Punkte einzuhämmern und einprägsamer zu machen. Auch hier bleibt die Autorin ihrem riskant-kreativen Stil treu: solche sprachlichen Muster findet man sonst meist in der Werbung oder in politischen Reden. Aber natürlich spricht nichts dagegen, sich mit einer solchen Struktur hervorheben zu wollen, solange sie zum Gesamttext passt und ihn nicht zu abgehoben für ein Anschreiben macht.

Möchten Sie mehr über das Thema erfahren?

 

Unser Workshop Bewerbungs- und Interviewstrategien für WissenschaftlerInnen und unser Vortrag Holen Sie sich Ihren ersten Job: die Bewerbungsphase zeigen Ihnen Tipps und Fallstricke in der Bewerbungs- und Interviewphase. 

Sitzen Sie ‘auf der anderen Seite’, lesen Sie die Bewerbungen und laden zu den Vorstellungsgesprächen ein? Dann könnte Sie unser Workshop Personalauswahl, Biases und Stereotype interessieren.

Für weitere Themen, die wir abdecken schauen Sie gerne bei unseren Workshops und Vorträge vorbei. 

Scroll to Top