Zuerst zeigen was Sie können und dann den Wunschzettel auf den Tisch!

Den ersten schönen Oktobertag verbringe ich bei der IHK in München, denn dort findet die erste Veranstaltung im Rahmen des Familienpaktes Bayern statt. Partnerschaftlichkeit ist das Thema. „Damit die Familienarbeit in Zukunft nicht mehr vor allem die Sache der Frauen ist. Vorgestellt werden Instrumente zu einer besser Vereinbarkeit von Familie und Beruf – für Frauen, aber eben auch für die time constrainsMänner.“ Der Hörsaal ist gefüllt mit Personalern von kleinen und großen Firmen aus Bayern. Audi sehe ich, MAN Truck sehe ich, Reiseunternehmen und viele andere mehr sehe ich. Einige der Stühle werden durch Freiberuflerinnen, Coaches und junge Start-ups besetzt, die Unternehmen helfen wollen, flexible Arbeitsmodelle umzusetzen. Und der Hörsaal ist richtig voll, man findet kaum mehr freie Stühle. Es zeigt sich, dass sich hier etwas tut in der deutschen Gesellschaft. Es scheint, dass Firmen einsehen, dass das klassische Lebensmodell, in dem Männer 40+ Stunden arbeiten und die Frauen die alleinige Verantwortung für die Familie tragen, durch eine ausgeglichenere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit abgelöst wird. Ein gesellschaftlicher Wandel, den ich nur begrüßen kann.

So finden 91% der Arbeitnehmer zwischen 25 und 39 Jahren die Familienfreundlichkeit eines Unternehmens mindestens so wichtig wie das Gehalt und 75% würden sogar das Unternehmen wechseln, wenn es nicht passt.

Die Vorträge sind interessant, besonders Volker Baisch von der Väter gGmbH imponiert mir. Zuerst berichtet er, was zur Gründung seiner Firma geführt hat. Er war in einer Führungsposition tätig und nach der Geburt seiner Tochter wollte er für ein Jahr in Elternzeit gehen, damit seine Frau schnell wieder in den Beruf einsteigen könne. Auf dieses Ansinnen reagierte sein damaliger Chef mit einer klaren Antwort: Es ist eine super Idee, doch rechne er wohl nicht damit, danach wieder zurückzukommen, oder? Traurig scheint Volker Baisch darüber allerdings nicht. Vielleicht weil es schon über 10 Jahre her ist. Vielleicht aber auch, weil er offensichtlich seine Leidenschaft in etwas Anderem gefunden hat. Und genau dieses Gefühl überträgt er auch auf die Zuhörer seines Vortrages. Zudem bringt er viele interessante Statistiken mit: So finden 91% der Arbeitnehmer zwischen 25 und 39 Jahren die Familienfreundlichkeit eines Unternehmens mindestens so wichtig wie das Gehalt und 75% würden sogar das Unternehmen wechseln, wenn es nicht passt.

Wichtig für seine Teilzeittätigkeit war von Anfang an, dass er bereits drei Jahre Vollzeit bei der Deutschen Bank arbeitete, bevor er zurückschraubte.

Dann betritt Bernt Gade (der den Nachnamen seiner Frau angenommen hat) von der Deutschen Bank das Podium. Er arbeitet im höheren Management und schon seit Jahren in Teilzeit. Drei Nachmittage pro Woche verbringt er zu Hause mit seinen Kindern. Natürlich ist er erreichbar, falls es mal wirklich irgendwo brennt, seine Kinder können die Todesbrücke über den Spielplatz kurzzeitig auch alleine meistern. Wichtig für seine Teilzeittätigkeit war von Anfang an, dass er bereits drei Jahre Vollzeit bei der Deutschen Bank arbeitete, bevor er zurückschraubte. Sein Arbeitgeber wusste also schon, was er wert war.

Dann betritt Sofie Geisel, Projektleiterin von „Erfolgsfaktor Familie“, das Podium. Ganz klar, viele Ihrer Mitarbeiter arbeiten flexibel. Einfach sei das aber nicht für sie als Chefin, teilt sie mit. Wenn jeder sein eigenes Arbeitszeitmodell lebt, dann wird es schwierig, Termine zu planen.

„Home Office? Ja, klar! So lange die Arbeit es erlaubt, spart man sich als Arbeitgeber dadurch sogar noch Platz. ABER, natürlich nicht ab dem ersten Arbeitstag. Das wäre zu naiv…“

Während der Podiumsdiskussion, an der sie teilnimmt, scheinen all die progressiven Vorgesetzten am Tisch einverstanden: „Home Office? Ja, klar! So lange die Arbeit es erlaubt, spart man sich als Arbeitgeber dadurch sogar noch Platz. ABER, natürlich nicht ab dem ersten Arbeitstag. Das wäre zu naiv…“

Nachmittags auf meinem Heimweg driften die Gedanken zurück zu den Diskussionen – „Flexibilität JA. Aber nicht ab dem ersten Tag.“ Und an diesem Punkt beißen sich junge Eltern (meistens die Mütter) bei der Arbeitssuche oft die Zähne aus. Sie haben, zumindest nach ihrem eigenen Gefühl, nicht die Möglichkeit sich erstmal beim Arbeitgeber Pluspunkte anzusammeln, die Kinder sind ja schon da und brauchen heute einen Papa oder eine Mama, die sie pünktlich aus der Kita holen. Sie legen daher ihre Bitte um Flexibilität und damit Ihre zeitlichen Einschränkungen schon während dem Vorstellungsgespräch auf den Tisch. „Ich kann leider nicht vor 9:00, da der Kindergarten erst um 8:00 öffnet.“ Und hoffen dabei, dass man sich bereits ab dem ersten Arbeitstag an diese Wünsche anpasst. Der Arbeitgeber würde diese Person eher als „extra Aufwand“ sehen, sie müssen sich für eine Arbeitnehmerin ins Zeug legen, von der sie gar nicht wissen, ob sie es wert ist. Es wird also schon über Einzelheiten aus dem Arbeitsvertrag diskutiert, bevor überhaupt ein Stellenangebot vorliegt. Falls Ihre Berufsgruppe auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist wie heiße Semmeln und Sie mit Ihren persönlichen Fähigkeiten klar herausragen, kann das schon mal klappen. Aber wenn man als durchschnittliche promovierte Naturwissenschaftlerin gelernt hat, Proteine aufzureinigen (so wie die anderen 100 Bewerber im Posteingang des Personalers), dann ist das erste Gespräch der falsche Zeitpunkt, um mit Ihrem Wunschzettel zu wedeln. Sie müssen sich zuerst wie Bernt Gade auf der Stelle erweisen, oder zumindest mal ein Angebot bekommen, damit danach die Meetings auf Ihre Wunschzeiten verlegt werden.

Neulich sprach ich mit einer Dame, die sich bei einem großen Pharmaunternehmen bewarb. In der ersten Gesprächsrunde sagte sie bereits, dass sie leider nur bis 16:00 arbeiten könne, um die Kinder pünktlich abholen zu können. Das Gespräch kam sofort zum Ende, denn vor 17:00 nach Hause zu gehen, das wäre bei diesem Arbeitgeber leider überhaupt nicht möglich. Sie war traurig, denn sie möchte gerne arbeiten, auch Vollzeit, und dies wäre der „perfekte Job“ für sie gewesen. Sie hätte abends den Laptop hochfahren können, auch früher anfangen ginge, doch erhielt sie dazu keine Chance von ihrem Traumarbeitgeber.

„Die tun fast ein bisschen zu viel für ihre Arbeitnehmer, finde ich“

Bei genau derselben Firma bewarb sich eine Bekannte von mir, genau wie die andere Dame auch auf eine Stelle als Naturwissenschaftlerin. Sie erwähnte ihr Kind nicht, nix, nada, niente, und stieg ein Jahr Vollzeit bei der Firma ein. Ihr Mann ging in Elternzeit, die Großeltern wurden aktiviert und los ging´s mit der Probezeit. Damals sagte sie mir, sie traue es sich nicht, danach zu fragen, ob sie flexibel oder in Teilzeit arbeiten könne. Bei diesem Arbeitgeber niemals! Sie konzentrierte sich voll auf ihre neue Stelle und zeigte, was sie konnte. Letzte Woche schließlich fragte ich sie dann: „Und wie sieht´s mit der Familienfreundlichkeit aus? Wie ist es, bei Deinem neuen Arbeitgeber zu arbeiten?“ Sie erzählte zu meiner Verwunderung- ich werde es ihr eh nicht glauben- es sei der tollste Arbeitgeber, den man sich vorstellen könne! Alles was mit Vereinbarkeit zu tun hat ist möglich. Alle Formen von Teilzeit, Home Office, zusätzliche freie Tage während den Schulferien, selbst ein Kindermädchen kann organisiert werden. „Die tun fast ein bisschen zu viel für ihre Arbeitnehmer, finde ich“, schloss sie ihren begeisterten Bericht.

Liebe Damen und Herren, viele Firmen haben das Thema Vereinbarkeit heutzutage hoch auf der Agenda. Sie wollen mitmachen, sie müssen mitmachen. Und sie waren ja auch alle da, um sich bei der IHK zu informieren und auszutauschen. Sie werden in naher Zukunft die Flexibilität erhalten, die Sie sich wünschen. Doch zuvor müssen erst Sie in Vorleistung treten und Ihr Können und Ihre „familiäre Flexibilität“ zu zeigen.

Karin Bodewits

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