Interview mit einem Qualitätsmanager

Interview mit Christoph Reiter (CR) CU Chemie Uetikon GmbH.

 

Von Sabrina Kreutz (SK)


SK: Schönen guten Abend Herr Reiter, vielen Dank das Sie sich für dieses
Telefoninterview Zeit nehmen.
CR: Sehr gerne und ich hoffe ich kann Ihnen bei manchen Fragen helfen.
SK: Sie arbeiten bei der CU Chemie Uetikon GmbH im Bereich Qualitätssicherung (QS), Was ist ihr persönlicher Background – Was haben Sie studiert?
CR: Ich bin promovierter Diplom-Chemiker und habe an der Universität Stuttgart studiert und an der Universität Erlangen-Nürnberg promoviert, wobei ich den Jobeinstieg ohne Doktortitel gemacht habe. Ich habe zunächst gearbeitet und meinen Doktor nach dem Einstieg abgeschlossen. Ich habe mich also, wenn man es so sagen kann, nur als „Diplom-Chemiker“ beworben und nicht als promovierter Chemiker.
SK: Das heißt Ihr Berufseinstieg ist eher untypisch gewesen?
CR: Bei uns Chemikern ist es so üblich, dass 90% nach dem Diplom bzw. Master ihre Promotion anschließen. Das heißt also, wenn man es so nehmen möchte, habe ich keinen QS-Background, weshalb mein Einstieg in die Berufswelt eher untypisch war. Normalerweise ist es so, dass man in Forschung und Entwicklung einsteigt, vor allem, weil es durch das Studium und durch die anschließende Promotion nahe liegt. Das heißt, man forscht industriell und nicht akademisch, aber die Grundideen bleiben. In der Industrie haben sie Laboranten unter sich, wohingegen sie im Studium ihr eigener Forscher waren. Wenn Sie Laborleiter würden, hätten sie zwei bis fünf Mitarbeiter zur Betreuung unter sich. Sie selbst stehen dann weniger im Labor, sondern entwickeln die Ideen auf dem Papier und leiten diese an ihre Mitarbeiter weiter.


SK: Das bedeutet, man ist trotzdem noch frei und flexibel in seiner Arbeit und es ist nicht ganz so strikt geregelt?
CR: Im Falle des Laborleiters kommt es da auf den Konzern an. Denn es spielt immer eine Rolle wie groß der Konzern ist und was er herstellt. Eine Zwischenform wäre der Forschungsleiter/Laborleiter in einem GMP-Umfeld. Das würde bedeuten, sie hätten dann schon diese Aspekte, dass sie nicht ganz so frei sind, sondern dass sie gewisse GMP-Grundlagen erfüllen müssen. So ist es z. B. bei uns in der Firma. Da wir ja Vorstufen von Pharmazeutika herstellen, ist es so, dass sie die Forschung schon ausgerichtet auf diese GMP-Spielregeln auslegen. Diese Spielregeln schränken Sie natürlich ein. Wenn Sie in einer Firma wie meiner arbeiten (wir stellen APIs (Active pharmaceutical ingredients) her). Wir stellen die pharmazeutisch letzte Stufe des Arzneimittelproduktes her, sind aber noch nicht am Endverbraucher.

Irgendwann war mir klar, dass meine forschende Zeit zu Ende war


SK: Haben Sie sich Ihren Berufsweg während des Studiums so vorgestellt?
CR: Ich habe keinen klassischen QS-Background. Ich habe während meiner
Doktorarbeit 3 Jahre Naturstoffhybride und Katalyse gemacht. Danach war mir klar, dass ich etwas Anderes machen wollte und ich wollte nicht mehr unbedingt ins Labor.
Ich habe es selbst nicht geglaubt, aber irgendwann war mir klar, dass meine forschende Zeit zu Ende war. Als ich mich beworben hatte, konnte ich mir selbst unter Qualitätssicherung nicht viel vorstellen. Das ist aber denke ich auch normal. Sie müssen sich in ihrem eigenen Berufsweg ihre eigenen Erfahrungen machen.
SK: Was für Zukunftsideen hatten Sie mit Ihrem Abschluss?
CR: Was kann man mit einem Chemie-Abschluss machen? Man kann mit einem Chemie-Abschluss viel und gar nichts machen. Es ist schwierig sich vorzustellen, was man später mal macht. Den Laborleiter-Beruf kann man sich vorstellen. Alles andere ist eher abstrakt. Als Chemiker können wir Patentmanager werden, man kann in einem Institut z.B. Frauenhofer-Institut arbeiten, es gibt also sehr viele Möglichkeiten. Ich bin dann neu-quer in die Qualitätssicherung eingestiegen, einfach aus dem Grund, weil die Firma jemand frisches haben wollte. Frisch bedeutet, jemand der nicht vorher schon woanders gearbeitet hat und/oder eingefahrene Denkstrukturen hat, sondern jemand den man von der Pike auf anlernen kann. Jemand der frisch motiviert von der Uni kommt und keine starren Denkmuster hat, sondern der alles Hinterfragen kann im positiven Sinne.
SK: Wie war die Bewerbungsphase bei Ihnen?
CR: Ich hatte nur meinen akademischen Background. Keine Praktika o.Ä. Was mir vielleicht zu Gute gekommen ist: ich habe im Labor den „Logistikmenschen“ für Arbeitsgeräte und Lösungsmittel gespielt. Das war also eine Tätigkeit, die über die Doktorarbeit hinausgeht und ein wenig Organisationstalent zeigt.
SK: Das war dann bestimmt der Faktor, wodurch Sie herausgestochen haben.
CR: Richtig und ich brachte Auslanderfahrung mit. Ich habe ein halbes Jahr in Schottland studiert. Dadurch hatte ich in meinem Lebenslauf drei Universitäten vorzuweisen. Es gibt viele Studierende die haben Grund- und Hauptstudium und Promotion an der gleichen Uni. Wenn sie mehrere Unis vorweisen können, zeigen sie einen gewissen Grad an Mobilität.
SK: Wie sieht ihre tägliche Arbeit bei CU Chemie aus?
CR: Meine tägliche Arbeit ist jeden Tag anders. Wir sind eine kleine Abteilung mit fünf – sechs Leuten. In meinem Tagesablauf gibt es unter anderem Routine-Aufgaben, ich kümmere mich um Reklamationen und die Analyse von Prozessfehlern und Abschätzen ob dies Auswirkungen auf das Endprodukt hat. Wir schauen auch die Herstellungsvorschriften nach, nicht nur wenn etwas passiert, sondern auch während des normalen Betriebablaufs. Das nennt sich Batch Record Review. Ich beantworte Fragebögen von Kunden und nehme an Audits teil, bei denen Fragen von unseren Kunden beantwortet werden und umgekehrt. Jeder in der Abteilung hat zudem seinen Schwerpunkt. Meiner nennt sich GDP (Good Distribution Practice). Das heißt der Arzneimitteltransport unterliegt auch gewissen Vorschriften. In diesem Transport können natürlich auch Abweichungen auftreten, deren Auswirkungen ich wiederum untersuche. Sie dürfen nie vergessen: Ein Forscher und Entwickler denkt anders als ein „Q-Mensch“.
Ich mag an meinem Unternehmen die Abwechslung und Spontanität. Diese Überraschungsmomente sind manchmal das Schwierige und manchmal gerade das schöne in meinem Unternehmen.
SK: Und was für ein großes Ziel verfolgt Ihre Firma mit der Einführung des
Qualitätsmanagements bzw. der Qualitätssicherung? Denn vor der Einführung der GMPs war der Standard und die Qualität ja bestimmt auch gut. Benötige ich unbedingt einen Menschen, der das regelt und überwacht?
CR: Ich frage sie zurück: Waren die Standards wirklich vorher genau so gut? Hat es jemand kontrolliert, weiß man das? Vielleicht könnte man größere Grenzen haben als vielleicht die Q-Menschen sie setzen, aber wenn sie Abweichungen im kleinen Rahmen erlauben, werden diese eventuell immer größer, wodurch die Qualität dann doch leidet. Dies ist vielleicht ein philosophischer Ansatz, aber wenn sie den Gedanken zu Ende denken, wissen sie weshalb man uns doch benötigt, auch wenn wir manchmal für die Forscher und Entwickler anstrengend sein können.
SK: Anstrengend würde ich jetzt nicht sagen, aber in manchen Fällen erschwert es die Arbeit.

Es kann schon mal passieren, dass sie auch mal die „nicht-so-beliebte-Person“ sein müssen.


CR: Definitiv, da stimme ich ihnen zu und das ist uns auch bewusst. Aber das gehört auch zu unserer Grundüberzeugung. Und diese Grundüberzeugung muss ein QMensch auch mitbringen: gutes Einschätzungsvermögen, Beharrlichkeit, ein starkes Rückgrat und ein gewisser Hang zur Genauigkeit.
SK: Auf was für Probleme stoßen Sie bei ihrer täglichen Arbeit?
CR: Probleme im Sinne von Abweichungen im täglichen Betrieb kommen oft vor und da muss man manchmal konsequent sein und sagen können: Das Produkt verkaufen wir so nicht. Es kann schon mal passieren, dass sie auch mal die „nicht-so-beliebte-Person“ sein müssen. Deshalb kann man nur ein Q-Mensch sein wenn man mit voller Überzeugung dahinter steht.
SK: Das schöne in ihrer Firma ist ja, das QM lebendig gehalten wird und sie vielfältige Aufgaben bewältigen müssen.
CR: Ja, wir haben mit dem Marketing zu tun, mit dem Kunden direkt, mit den Fragebögen, wir haben aber auch mit den Forschern und Entwicklern zu tun und stellen Statements aus. Wir haben also im QM auch noch viel mit Menschen zu tun.
SK: Sie sind quasi eine Schnitt- bzw. Koordinierungsstelle der Firma. Ich kann mir vorstellen, dass viele Bereiche der Firma auf sie zukommen.
CR: Ja, der Q-Bereich ist eine Schnittstelle der Firma und kümmert sich um vieles, bzw. unser Rat/Empfehlung wird häufig benötigt.
SK: Haben Sie in Ihrer Firma Master-Studenten beschäftigt? Als Festangestellte oder als Praktikanten?
CR: Ja wir hatten mal einen Masterstudenten in der Technik. Aber das hält sich stark in Grenzen. Ich weiß allerdings auch nicht, ob wir überhaupt Anfragen von Masterstudenten hatten. Die Studenten müssten sich viel mehr trauen Anfragen zu stellen, denn wenn sie nicht fragen ergibt sich eine solche Chance auch nicht.
SK: Das heißt Sie vermissen die Selbstinitiative und den Mut der Studenten?
CR: Zum Teil. Das würde sie z.B. auch als guten Q-Menschen auszeichnen, wenn sie die Selbstinitiative ergreifen. Sehen sie es mal so: Wenn sie eine offizielle Stellenanzeige sehen, haben sie 100te Mitbewerber. Wenn sie eine Initiativbewerbung zum richtigen Zeitpunkt abschicken – und da gehört natürlich wieder Glück dazu – dann sind sie der einzige Bewerber und was das dann für Chancen für sie sind.
SK: Sie finden also, dass eine Initiativbewerbung nicht altmodisch ist?
CR: Zu einer Initiativbewerbung gehört auch immer Mut und es ist auch schwieriger eine Initiativbewerbung zu schreiben, als auf sich auf eine ausgeschriebene Stelle zu bewerben. Es braucht mehr Arbeit und mehr Zeit. Ich finde das deshalb eine solche Bewerbung nicht altmodisch ist und würde Ihnen davon nicht abraten.
SK: Es zeigt ja auch, dass man sich vorher intensiv mit der Firma beschäftigt hat. Was bräuchte ich denn für ein Know-How wenn ich mich bei Ihnen in der Firma bewerben wollen würde. Was müsste ich mitbringen?
CR: Bei uns brauchen Sie natürlich ein Grundverständnis an Chemie und einen chemisch-naturwissenschaftlichen Background. Außerdem eine gewisse Flexibilität, das eben genannte Rückgrat und Durchsetzungsfähigkeit und ganz wichtig eine natürliche Neugier sich gerne in neue Sachen hinein zu arbeiten. Dazu gehört natürlich auch Kreativität und Kontaktfreudigkeit.
SK: Wie läuft so ein genereller Bewerbungsprozess ab?
CR: Sie suchen z.B. im Internet eine Stelle und dann finden sie etwas was sie
interessiert. Heutzutage laufen ca. 90% über Online-Bewerbungen. Es gibt sehr wenige Firmen, die noch schriftliche Unterlagen haben möchten, die meisten wollen es zur eigenen Entlastung nur noch online. Nach dem Abschicken heißt es dann warten. Und das kann sehr unterschiedlich sein: einzelne Tage bis zu mehreren Wochen. Eine Absage bekommen sie meist per standardisierter Email. Wenn sie Glück haben bekommen sie eine Zusage. Die eher großen Firmen machen im Anschluss dann ein Telefoninterview. Hier kann es auch schon der Fall sein, dass sie
zu einem persönlichen Treffen eingeladen werden. Es kann aber auch passieren, dass die Firma diese Möglichkeit für ein vorgeschaltetes Telefon-Interview nutzt, denn ein Telefoninterview ist eine kostengünstige Alternative. In dem Interview kann vorab schon mal gecheckt werden, ob ihre Antworten zu ihrem Lebenslauf passen. Es kann aber natürlich auch eine Zusage per Email kommen, in der Sie für ein persönliches Gespräch eingeladen werden. Diese Einladung ist in dem Bewerbungsprozess schon ein sehr großer Erfolg. Denn wenn man eingeladen ist, hat man eindeutig schon viel weniger Konkurrenten und man ist eine Stufe weiter. Jetzt können sie je nach Firma eine oder mehrere Gesprächsrunden durchlaufen oder müssen zunächst ein Assessmentcenter absolvieren. Dies dient hauptsächlich dafür um zu schauen, wie sie auf Stress reagieren. Nach dem Assessmentcenter kommt die echte Bewerbungsrunde: Je nach Größer der Firma sitzen sie dann 3-6 Leuten gegenüber und dann tauscht man sich aus. Denken sie immer daran, dass dieser Auswahlprozess eine Entscheidung von zwei Seiten ist. Nicht nur die Firma muss sich für sie entscheiden, sondern sie müssen sich auch für die Firma entscheiden. Nach dem Gespräch nennt die Firma ihnen einen Zeitrahmen, in der sie sich melden wird. Falls nicht fragen sie ruhig nach. Es kann natürlich auch passieren, dass die Firma sich anschließend nicht mehr meldet.
SK: Gibt es ein No-Go bei der Gehaltsabsprache?
CR: Das ist eine sehr haarige Angelegenheit. Aber spielen wir das
Bewerbungsgespräch mal durch: es geht ca 45 min und am Ende haben sie nochmal die Gelegenheit Fragen zu stellen: z.B. wie sieht meine Einarbeitungszeit aus? Und dann können sie abwarten, ob die Firma das Thema anspricht, oder wenn es die finale Runde ist dann haben sie das Recht die Gehaltsfrage anzusprechen. Die Firma kann sie dann natürlich testen, wie sie sich selbst einschätzen. Utopisch hoch oder zu wenig können dabei Kriterien sein sie nicht zu nehmen. Beim Gehalt spielt auch die Größe der Firma und der Standort eine Rolle. Mittlerweile kann man sich aber im Internet vorher informieren. Denken Sie immer daran, dass beim Gehalt beide Seiten pokern.
SK: Was würden Sie sagen, würde diesen Bewerbungsablauf erleichtern?
CR: Da kann ich Ihnen nur empfehlen: bauen sie sich ihr Netzwerk frühzeitig auf z.B. XING oder LinkedIN. In der Bewerbungsphase ist dies zu spät und wird ihnen nichts nützen. Wenn sie jetzt Leute kennenlernen, die 2-3 Jahre im Beruf sind, so kann es sein, dass die in ihrer späteren Karriere dafür zuständig sind, um neues Personal einzustellen. Vitamin B ist das A&O. Auch Praktika können ihnen da z. B. helfen. Und um nochmal auf XING und LinkedIn zu sprechen zu kommen, ich kenne einige Leute, die über diese Portale ihre Stellenangebote bekommen haben. Dort sind sehr viele Recruiter oder Headhunter unterwegs. Sie sollten außerdem vor dem Bewerbungsgespräch versuchen herauszufinden, wer Ihnen dort gegenüber sitzt und wie der Ablauf sein wird. Das können sie in einer netten Antwortmail erfragen und es zeigt Interesse.
SK: Ich danke Ihnen für das sehr interessante und informative Interview. Es hat mich gefreut mit jemandem aus der Praxis reden zu können.

 

Wollen Sie mehr über die Arbeit im Qualitätsmanagement lernen, dann sehen Sie sich dieses Video an, das die Schwierigkeiten mit dem Verfassen von SOPs treffend beschreibt.

 

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