Neujahrsvorsätze

Dieses Jahr möchte ich motiviert starten. Keine Karriere mit angezogener Handbremse, das ist mein Neujahrsvorsatz. Ich träume davon, jeden Tag mit einem kleinen Erfolgserlebnis abzuschließen, großes Lob von Chef und Kollegen zu erfahren und mit tosendem Applaus den Gewinnerpokal bei der nächsten Jahresabschlussfeier der Hauptabteilung in den Händen zu halten. Zu sehr hat es geschmerzt, meine lieben Kollegen mit der Trophäe an den Tisch zurückkehren zu sehen und mit ihnen auf deren Erfolg anzustoßen während ich mich insgeheim ärgerte, dass sie und nicht ich den Preis bekommen hatten. Noch Tage nach der besagten Feier denke ich darüber nach, ob die Preisverleihung nun eher zur Motivation oder zur Demotivation aller Mitarbeiter beigetragen hatte. Klar- für diejenigen mit Trophäe neben dem Dessert war es eindeutig motivierend. Aber für alle anderen? Ich selber frage mich, ob die Auserwählten wirklich so viel besser waren als ich selbst. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr frustriert mich die ganze Sache. Ein Preis für die Erreichung des Umsatzzieles? Mein Chef hat sich darüber gefreut. Aber war es nicht auch mein Verdienst? Was war mit den unzähligen Akquiseanrufen, die ich das letzte Quartal übernommen habe um ihm den Rücken freizuhaltehappy new yearn? Eigentlich fast schon unverschämt, dass er und nicht ich den Preis dafür bekommt. Oder der Preis für die beste Werbebroschüre. Am liebsten würde ich nachträglich noch die Hand heben und fragen: „Wer hat denn die ach so brillanten Fotos gemacht? Wer hat die Texte überarbeitet? Das war ich, ich, ich!“

Langsam packe ich meinen Laptop aus und stecke ihn in die Ladestation in meinem Büro. Mein erster Arbeitstag nach dem langen Winterurlaub kann beginnen. „Schönes neues Jahr noch nachträglich“ grüßt ein Kollege, der seinen Kopf kurz in mein Büro steckt. Er öffnet die Tür ein wenig und wedelt mit seinem goldenen Pokal hin- und her. „Den hier stelle ich auf die Herrentoilette“, flötet er. Ich schaue ihn mitleidig an, denn ich weiß, wofür er ihn bekommen hat: für den lustigsten Versprecher. Mir selbst wäre die Schamesröte ins Gesicht gestiegen, hätte ich ihn von meinem Chef in Empfang nehmen müssen, während der Versprecher wieder und wieder auf der Videotafel abgespielt wird und sich alle im Raum fast vor Lachen wegwerfen. „Mein Vorsatz“ sagt er lachend: „Einen Englischkurs mit persönlichem Trainer machen. Auf keinen Fall will ich bei der nächsten Produktpräsentation wieder mit zweideutigen Wörtern auffallen.“ Er überlegt kurz, dann fügt er hinzu: „wobei- sex sells.“ Grinsend schaut er auf seinen Pokal. „Und, auch gute Vorsätze gefasst?“ fragt er lächelnd. Ich schaue ihm in die Augen antworte mit inbrünstiger Überzeugung: „Ja, habe ich“ und füge lächelnd hinzu: „Die Vergangenheit in der Vergangenheit zu lassen. Denn da gehört sie hin!“

Als er pfeifend den Raum verlässt, bin ich bereits dabei, mein Passwort zu ändern. Jeden Tag soll es mich bei Arbeitsbeginn an meine Vorsätze erinnern. „LMAA-2015.“ Enter.

Schönes neues Jahr!

Ihre Lisette.

Lisette Feldmann 2015Unsere Blog-Autorin schreibt unter dem Pseudonym Lisette Feldmann. Als promovierte Naturwissenschaftlerin arbeitet sie als moderne Führungskraft in einem Großkonzern. Privat versucht sie, die Balance zwischen Familie und Karriere zu schaukeln.

 

 

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