Archive | September, 2016

Nachrichten aus der Chemie_ NaturalScience.Careers

Lebensalter oder akademisches Alter (German)

In meinem Büro finde ich die Bewerbungsunterlagen einer Akademikerin Anfang 40. Das Bewerbungspaket fühlt sich schwer an, 22 Seiten. Als ich lese, dass es eine „Bewerbung auf eine W3-Professur“ ist, weiß ich warum. Zum Glück gibt es ein Inhaltsverzeichnis, so sehe ich auf den ersten Blick, was auf mich zukommt.

Seit zwei Jahren bewirbt sie sich erfolglos auf Professuren und Gruppenleiterpositionen. Als Beispiel dient die mitgeschickte Ausschreibung zu einer Position, bei der sie nicht einmal für ein shutterstock_141851728Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, obwohl sie ihrer Meinung nach die perfekte Kandidatin gewesen wäre. Ich gehe sofort zu Punkt 7, der Publikationsliste in der Wissenschaft nach wie vor das wichtigste Kriterium. 13 Artikel, davon 8 Erstautorenschaften. Die ganz großen Journale wie Nature oder Science sind nicht dabei, aber sie hat in durchaus angesehenen Zeitschriften veröffentlicht. Ich blättere zurück zu „Ausbildung und akademische Laufbahn“: Ihre Promotion hat sie im Jahr 2000 angefangen. 13 Publikationen in 16 Jahren, das ist für eine W3-Professur wahrscheinlich zu dünn, denke ich mir, vielleicht sogar der Grund, dass ihre Bewerbung aussortiert wird. Dann fange ich an, mich durch das Dokument zu arbeiten. Auf Seite 5 stoße ich auf „Mutterschutzfristen und Elternzeiten“. Zehn Monate war sie für ihre beiden Kinder jeweils in Mutterschaftsurlaub. Kleingedruckt finde ich eine Fußnote: „Seit 2007 arbeite ich in Teilzeit (67,5%)“. Ich rechne nach: 16 Jahre minus 20 Monate minus 32,5%. Ihr akademisches Alter ist demnach nicht 16, sondern erst 11 Jahre. Damit klingt die Zahl von 13 Publikationen ganz anders. Aber welcher Arbeitgeber macht sich die Mühe, das nachzurechnen und diese Informationen mühsam aus ellenlangen Dokumenten zusammenzusuchen?…

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Nachrichten aus der Chemie_ NaturalScience.Careers

(Deutsch) Schwangerschaft: Don‘t ask. Don‘t tell.

Ich hatte eine junge Dame im Coaching, die gerade ihre Masterarbeit eingereicht hatte, als sie schwanger wurde. Eine Anstellung hatte sie noch nicht, aber ihr Lebenslauf war beeindruckend. Zudem war sie hoch motiviert und verfügte über die Infrastruktur, um Mutterschaft und Karriere zu vereinbaren. „Ein Jahr daheim? Nein, das wäre nichts für mich“, sagte sie bestimmt, „ich möchte und kann direkt nach dem Mutterschutz wieder einsteigen.“ Sie wusste, dass sie einen Job brauchte, in den sie zurückkehren kann. Ich riet ihr, sich ganz normal zu bewerben und nicht zu früh von der Schwangerschaft zu berichten. „Der gesetzliche Rahmen erlaubt es, bis nach Unterschrift des Vertrags stillzuhalten, solange Sie die Infrastruktur haben, die Stelle auch wirklich ausfüllen zu können,“ informierte ich sie. „Ein Angebot kann Ihnen dann trotz der Schwangerschaft nicht genommen werden.“ Meine Gesprächspartnerin empfand es als angemessen, die Karten erst nach dem Gespräch, jedoch vor Unterzeichnung des Vertrags auf den Tisch zu legen.

Sie bewarb sich auf eine Stelle an einer Universität und wurde sofort eingeladen. Im Gespräch stellte der Professor einige allgemeine Fragen, bohrte aber mindestens genauso interessiert in ihrem Privatleben. Sie beschränkte ihre Antworten auf relevante Informationen für die Stelle und erwähnte ihre Schwangerschaft nicht.

Einige Tage später fand sie eine E-Mail des Professors in ihrem Postfach. „Ich freue mich, Ihnen die Stelle anbieten zu können. Wann könntenshutterstock_141947875 Sie denn genau anfangen?“ Sie überlegte nicht lange und griff zum Telefon: „Ich freue mich sehr über Ihr Stellenangebot, doch möchte ich erwähnen, dass ich schwanger bin. Ich habe aber …“ „Die Stelle kann ich Ihnen so nicht mehr anbieten,“ unterbrach er und fügte noch hinzu: „Ich nehme es Ihnen aber nicht übel.“…

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