Homer goes Nature

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Schon als ich meinen Fuß in die Tür setze fällt mir die Kinnlade auf den Boden. Wow, unser gesamtes Labor würde mindestens viermal in dieses Büro passen. Es gibt eine Ecke mit Sofas, einen großen Konferenztisch mit Projektor, an dem leicht 20 Leute Platz finden können und noch eine Menge Computer und Drucker. Die Wände sind mit gerahmten Titelseiten von Magazinen wie Nature und Science bedeckt. Ich habe die geheiligten Hallen eines Professors betreten, der es eindeutig geschafft hat.

Ganz klar, ich habe die geheiligten Hallen eines Professors betreten, der es eindeutig geschafft hat. In einer Ecke ist eine Kochnische mit einer modernen Kaffeemaschine. Einige Leute unterhalten sich dort, also gehe ich zu ihnen, um zu fragen wo Felix ist. Ich warte auf eine Gesprächspause, bis ich etwas sagen kann. Ein kahler Mann mittleren Alters, der aussieht wie Homer Simpson, mit seinem viel zu kurzem Polohemd und einer Tüte Chips in der Hand bemerkt mich zuerst. Bevor ich etwas sagen kann erhalte ich den Hinweis: „Keine Chemikalien im Büro, junge Dame.“

„Aber ich bin auf der Suche nach einem gewissen Felix“ entgegne ich.

Ich habe die geheiligten Hallen eines Professors betreten, der es eindeutig geschafft hat.

Homer Simpson schaut in die Runde seiner viel jüngeren Gesprächspartner, scheinbar in der Erwartung dass mich einer von denen aufklären wird.

„Wahrscheinlich im Labor“ sagt ein großer, blonder Kerl.

Ich schaue in Richtung der Glastür, die vom Büro direkt ins Labor führt. „Du kannst mit den Chemikalien hier nicht durch, geh einfach über den Gang ins Labor“ sagt Homer Simpson mit einem freundlichen aber bestimmten Ton, als er mir die Türe zum Korridor weist.

Obwohl ich das ein wenig pedantisch finde, da ich ja bereits mit meiner Chemikalie in seinem Büro stehe, folge ich Homers Hinweis und verlasse das Büro durch die Türe, durch die ich gerade erst gekommen war.

Das Labor ist noch größer als das Büro. Es läuft Heavy Metal, mittellaut, und jeder trägt Laborkittel und Schutzbrille. Es ist betriebsam und fühlt sich nach „Wissenschaft“ an, es ist seltsam hypnotisierend und erhebend zugleich, diesem Betrieb zuzusehen.

„Ich suche nach einem gewissen Felix“ sage ich zur ersten Person, der ich begegne. Sie nickt zu einem Abzug im hinteren Teil des Labors. „Der Rothaarige da“ fügt sie noch hinzu.

Ohne etwas zu sagen deutet sie auf die Schachtel mit den Schutzbrillen für Gäste, die auf einem Tisch neben mir steht. Ich nehme mir die einzige rote Brille, setze sie auf meine Nase und gehe zum Abzug von Felix.

„Kleinen Moment bitte“ sagt er, während er zwei Reagenzgläser austauscht, mit denen er eine klare Flüssigkeit auffängt.

Eine große, farbige Glassäule hängt über den Reagenzgläsern; Chromatographie, denke ich bei mir. „Ja“ sagt er knapp zu mir, als wolle er den Blickkontakt mit der tropfenden Flüssigkeit nicht verlieren.

Ich stelle die Flasche mit der Aminosäure auf seinen Tisch und sage stolz: „Wir hatten sie.“

„Ah, cool“ sagt er während er das Etikett überfliegt und schon wieder ein volles Reagenzglas gegen ein Leeres ersetzt. „Hast Du ´ne Minute, damit ich mir rausnehmen kann, was ich brauche?“

„Kein Problem, ich habe Zeit.“

Ich sitze auf einem Schränkchen und schaue zu, wie er mit geübter Handbewegung die Gläschen tauscht, als würde er schon seit Jahren nichts anderes tun. Es hat therapeutischen Wert, der Flüssigkeit bei ihrem Weg zuzusehen.

Er tauscht noch ein letztes Mal das Reagenzglas aus und schließt den Hahn der Säule. „Fertig.“ Er dreht sich zu mir um und ich sehe leuchtende, blaue Augen hinter der Schutzbrille, ein freundliches, sommersprossiges Gesicht. „Hast Du denn keinen Fraktionssammler, um diesen Arbeitsschritt zu automatisieren?“ frage ich ihn und deute auf die hundert Gläschen mit Flüssigkeit, die er per Hand gesammelt hat.

Er macht eine Geste, als wäre gerade der Theatervorhang aufgegangen: „Warum bräuchten wir denn so etwas? Wir haben doch… mich!“

Er sieht verspielt aus, amüsiert. Er nimmt die Flasche mit der Aminosäure und ich folge ihm zu einer Waage an der anderen Seite des Labors. „Ich bin ein Postdoc, viel billiger als ein Fraktionssammler“ sagt er lachend. „Für meinen Chef koste ich gar nichts, ich musste ja mein eigenes Geld mitbringen.“

„Macht´s Dir was aus, wenn ich etwas mehr nehme?“ fragt er mich.

„Mach nur.“

„Du bist ein Engel.“

„Du bist der Erste, der mir das erzählt.“

Ich fühle mich nicht wie ein Engel. Ich fühle mich grausam und gebrochen. Er lächelt wieder. Er ist in Happy Bunny, eine Person, die jeden aufmuntert.

„Kann ich Dir was als Gegenleistung geben?“ fragt er mich.

„So was wie Pipettenspitzen?“ scherze ich.

„OK, magst Du welche?“

„Nein, ich brauche keine, aber ich würde mich über einen Kaffee aus Eurem tollen Gerät freuen.“

Er sieht etwas verdutzt aus. Vermutlich hat er noch nie mit jemandem zusammen gearbeitet, der keine Kaffeemaschine in seinem Büro hat. Er weiß vermutlich nicht, wie rau es in der Welt da draußen werden kann.

„Klar, komm doch“ sagt er und führt mich durch die Glastüre.

„Dürfen wir hier durchgehen?“

„Natürlich, dafür baut man Türen.“

„Ich habe mich vorhin nur etwas von Homer Simpson erschrecken lassen, der mir das verboten hat. Er meinte, ich solle nicht mit Chemikalien ins Büro gehen.“

„Homer Simpson?!“ wiederholt er, offensichtlich sehr vergnügt. “Das ist mein Chef, Professor Walker… er ist nicht angsteinflößend, er ist nur fett.“

Ich schaue ihn ungläubig an. Will er mir wirklich weismachen, dass dieser Homer Simpson mit seinem weißen, zu kurzen Polohemd, den Jeans mit dem markanten Maurerdekolleté und den klobigen Fingern, die noch vom Öl der Chips leuchteten, dieselbe Person ist, die es aufs Cover von Nature und Science schaffte? Ist Homer der Mann, der mindestens 25 Doktoranden oder Postdocs in seiner Gruppe hat?

„Du machst Witze.“

„Nö.“

 

 

Karin Bodewits (NaturalScience.Careers)

This article has originally been published in Laborjournal, 2016.

 

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