Selbständigkeit

„Ort der Handlung: BASF Stammgelände, Werksführung. Genauer: eigene Gedankenwelt während besagter Führung, in die ich immer tiefer abdrifte. „Zu Ihrer Linken sehen Sie…Steamcracker kann pro Jahr… und das bei höchster Arbeitssicherheit…“

Groß, umwerfend, faszinierend, doch trotzdem- oder gerade deswegen- höre ich mehr und mehr in mich selbst hinein.Self-employed NaturalScience.Careers

Ein Unternehmen zu gründen, noch dazu als Naturwissenschaftlerin, klingt so erstrebenswert und realistisch wie den Mount Everest zu besteigen: phantastisch! Aber eben auch: …phantastisch…

Moment mal, wir sind doch das Land des Mittelstandes, das Land in dem Firma A aus Provinznest B mit nur 20 Mitarbeitern den Weltmarkt für ein exotisches Bauteil in Garagentoren beherrscht, wohingegen die tierärztlichen Praxen dieser Welt aus dem benachbarten Dorf C mit netzhautschonenden Augentropfen versorgt werden. Da muss es doch Möglichkeiten geben, noch dazu in der Biotech Branche mit den vielen Firmengründungen?“

Ist es reine Träumerei, der Gedanke ans eigene Unternehmen, oder zumindest an irgendeine Form selbständiger Tätigkeit als Naturwissenschaftlerin?

Mitnichten, denn dafür gibt es zu viele Beispiele von erfolgreichen Selbständigen, es geht ja nicht nur um international operierende Milliardäre.

Die einfachste Form selbständiger Tätigkeit ist die Vermarktung der eigenen Arbeitskraft und Expertise als Freiberuflerin. In den klassischen Naturwissenschaften kennt man das insbesondere von Beratern oder Gutachtern, oftmals in Nebentätigkeit neben einer akademischen Laufbahn. Allerdings ist das Feld der Freiberuflerinnen nicht ausschließlich den graumelierten Professorinnen vorbehalten. Mit den richtigen Schlüsselqualifikationen oder Nischenfertigkeiten kann man sehr wohl bereits in jungen Berufsjahren seinen Platz am Freiberuflermarkt finden. Kramen Sie jetzt gerade in Ihren Unterlagen nach dem Zertifikat als Fachkraft für Arbeitssicherheit, einer Fortbildung, die Sie in der letzten Gehaltsverhandlung rausgeholt hatten? Verspüren Sie die Lust, die Fähigkeiten zur Analyse von Röntgenstruktur- oder DNA- Sequenzdaten aufleben zu lassen? Oder wollen Sie schlicht eine Leidenschaft wie das Schreiben professionalisieren? Dann starten Sie gleich durch, der bürokratische Aufwand ist minimal.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jetzt bereits die Alarmglocken in den Konzernzentralen ob der neu entstandenen Konkurrenz losgehen, doch können Sie jetzt bereits mit Ihrer ganz eigenen Firma loslegen.

Praxistipp: Preisgestaltung als Selbständiger

Haben Sie schon mal den Kopf geschüttelt, wie teuer „Externe“ manchmal sind? Stundensätze von 100 € und mehr sind keine Seltenheit. Und wenn man gar einen Rechtsanwalt oder Unternehmensberater einschalten will, gehen die Preise schnell noch weiter in die Höhe. Ein schönes Stammtischthema, wenn man vom eigenen Gehaltszettel als promovierte Angestellte auf einen Bruttostundenlohn im unteren zweistelligen Bereich zurückrechnen kann? Rücken wir die Gläser am Stammtisch beiseite und skizzieren die Fakten.

Der Stundenlohn eines Arbeitnehmers wird fortlaufend gezahlt. Er muss also nicht erst beim Arbeitgeber anrufen, mit ihm verhandeln und einen Vertrag unterzeichnen, bevor der bezahlte Arbeitstag beginnen kann. Bei selbständiger Tätigkeit kann hingegen nur ein Teil der tatsächlichen Arbeitszeit in Rechnung gestellt werden, der Rest geht in unbezahlte Auftragsakquise, Buchführung, Recherchen und vieles andere mehr. Dazu kommt noch, dass Fehlzeiten für Krankheit, Urlaub oder Schulungen nicht als Arbeitszeit bezahlt werden. Genug? Oder sollen wir uns noch einige Versicherungen ansehen, bei denen der Selbständige den ansonsten unsichtbaren Arbeitgeberanteil mitbezahlen muss? Vom Stundensatz des Freiberuflers müssen Sie also noch viel mehr abziehen als von dem Bruttolohn eines Angestellten, bis Sie endlich beim Netto in ihrer Tasche angekommen sind. Wenn Sie als Freiberufler starten, müssen Sie also pro Stunde mindestens das zwei- bis dreifache dessen verlangen, was Sie als Angestellter pro Stunde erhalten haben, abhängig von den jeweiligen „Reibungsverlusten“. Glauben Sie uns einfach: Sie sind viel mehr wert als Sie denken! Die Preisberechnung des Stundenlohnes als Freiberufler ist fundamental anders als für normale Angestellte, egal was der Stammtisch sagt oder denkt. Und jetzt die Rechnung bitte.

Bevor Ihre neue Geldquelle sprudeln kann, muss allerdings erstmal Geld hineingesteckt werden. Die Art der Finanzierung hängt von der benötigten Geldmenge ab sowie Ihrer Bereitschaft, Risiko und Gewinn selbst zu tragen oder zu teilen. Im Falle eines reinen Dienstleistungsbetriebes können Sie oftmals alleine starten, zumal man viele Dinge wie die eigene Außendarstellung oder die Kontaktaufnahme zu potentiellen Kunden in Zeiten des Internets sehr kostengünstig gestalten kann. Dinge wie die Entwicklung eines Prototypen können an spezialisierte Firmen oder Kooperationspartner ausgelagert werden. Messen sind Ihnen zu teuer, selbst die verbilligten Tarife für Gründer oder Gemeinschaftsstände? Dann gehen Sie doch kostengünstig als Besucherin auf die Messe. Das hat zudem den unschätzbaren Vorteil, dass Ihre „Opfer“ nicht weglaufen können und Sie nicht an ihrem eigenen Stand von allzu gesprächigen Gästen vom Geschäft abgehalten werden. Ohne Stand können Sie es sich aussuchen, wann Sie mit wem reden wollen. Und schauen Sie sich doch einfach auf einer der Freiberuflerbörsen im Internet um und treten Sie erstmals in die Rolle der Arbeitgeberin. Oder finden auf diese Wiese sogar selbst erste Kunden? Und selbst wenn Sie keine eigene Idee zum Gründen haben, können Sie sich auf verschiedenen Gründertreffen einem Projekt anschließen.

Eine Einschwingphase im kleinen Rahmen und auf eigene Faust hilft oftmals, die Vorstellung von der eigenen Firma zu schärfen, bevor man expandiert. Man kann eine solche (Vor-) Gründungsphase auch neben einer bestehenden Anstellung anlaufen lassen, um das eigene Risiko zu minimieren. Benötigt man Geld von außen- etwa weil man das eigene Wohnzimmer gegen ein echtes Büro eintauschen möchte oder weil man für den Angriff auf BASF eben doch Produktionsanlagen braucht- wird zwischen Eigenkapital und Fremdkapital unterschieden. Eigenkapital gehört der Firma, ob es nun von den Gründern selbst oder von Anlegern kommt, die dadurch Teilhaber werden. Fremdkapital ist klassischerweise ein Bankkredit, der zurückgezahlt werden muss, die Firma selbst allerdings in Ihren Händen belässt. Dieser kleine Exkurs ins Rechnungswesen deutet die Hauptentscheidung der Finanzierung an: Will ich Risiken und damit den Gewinn teilen oder belasse ich alles in meinen eigenen Händen? Oftmals, aber nicht immer, wird diese Frage durch den Umfang des benötigten Geldes bestimmt: desto mehr benötigt wird, desto mehr ist man darauf angewiesen, Anleger ins Boot zu holen. Für Start-ups sind dies oftmals Risikokapitalgeber (Venture Capital Investors), die in einer ersten Runde typischerweise mit sechsstelligen Beträgen einsteigen, dafür aber einen Teil der Firma und dadurch auch Mitspracherecht erhalten. Nicht zu unterschätzen ist auch der Aufwand, den man für das Einwerben von Geldern aufbringen muss: Selbst für einen Bankkredit benötigt man als Gründer mindestens einen gut ausgearbeiteten Business Plan inklusive detaillierter Finanzplanung. Und will man mit Risikokapitalgebern ins Boot steigen, dann ist der Aufbau und die Pflege aller nötigen Kontakte schon vor Ihrem ersten Pitch eine der Hauptbeschäftigungen in vielen Gründungsphasen.

investment self-employed scientistsViele Firmengründungen qualifizieren sich für verschiedene Förderungen. Stimmen Ihre Firmenziele mit denen einer Stiftung überein, dann könnten Sie hierüber gefördert werden. Die KfW Bank vergibt günstige Kredite für Firmengründer. Businessplanwettbewerbe können Ihnen Geld und öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen. Und die öffentliche Hand hat auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene verschiedene Programme und Unterstützungen aufgelegt, von verbilligten Mieten im lokalen Gewerbepark während der Startphase bis hin zum Europäischen Sozialfonds. Der „Preis“, den Sie für alle diese Förderungen „bezahlen“ müssen ist der damit verbundene bürokratische Aufwand. Diesen sollten Sie keinesfalls unterschätzen: Für das Einwerben und Verwalten eines europäischen Fördertopfes sollten Sie etwa 20 Wochenstunden Aufwand rechnen- für die gesamte Laufzeit der Förderung! Dazu gehören in diesem Extremfall: Ein umfangreicher Antrag, genaue Dokumentation von verwendeter Arbeitszeit und -mitteln sowie Zwischen- und Abschlussberichte. Hören Sie sich um, lassen Sie sich beraten und bauen sich ein Netzwerk mit anderen Gründern auf, um Informationen über dieses und andere Themen auszutauschen. Dafür gibt es Gründerstammtische, Unternehmernächte und vieles mehr.

Einen leichten Weg zur Firmengründung gibt es also nur für Millionäre, die ein wenig Spielgeld übrig haben. Für alle anderen ist es eine Abwägung zwischen verschiedenen Faktoren: woher kommt das Geld und die Ideen, wohin fließen die Gewinne und bei wem liegen die Risiken. Das Schöne daran ist aber, dass es für richtig gute Ideen immer Wege gibt, selbst wenn Sie eine halbe Millionen Euro brauchen um überhaupt anfangen zu können! Ihre Idee muss nur gut genug sein, Sie brauchen also ein handfestes Alleinstellungsmerkmal, mit dem Sie auf dem Markt auftreten und Ihre Kunden überzeugen können. Und diese Ideen gibt es für jede Größenordnung von Gründungsprojekt, von der Freiberuflichkeit, einer reinen Dienstleistungsfirma bis hin zu Analyse- und Produktionsstätten. Wenn Sie sich mal ein wenig in einem der Gründerzentren umsehen, werden Sie merken, wie vielseitig die verschiedenen Firmengründungen sind. „Das kann ich mir nicht leisten“ ist in der Start-up Szene ein unsinniger Satz, „Das kann ich mir auf diese Weise nicht leisten“ trifft den Nagel auf den Kopf.

Start-up NaturalScience.CareersFühlen Sie sich beim Gedanken an eine Firmengründung von der Vielschichtigkeit der einzelnen Aufgaben erschlagen? Nun, Sie werden wohl oder übel als Generalist auftreten müssen und dabei viel kennenlernen. Sie werden gleichsam Ihr eigenes MBA Programm absolvieren, Ihre Alma Mater ist die „Universität des Lebens“. Wenn Sie etwas nicht können, gibt es immer die Möglichkeit, dieses Know-how zuzukaufen. Und wenn dieses Zukaufen zu viel wird, müssen sie zurückblättern zu den Finanzierungsmöglichkeiten oder es selbst lernen und anfangs improvisieren.

Schließen möchten wir diesen Artikel mit etwas überraschend Positivem, den Arbeitszeiten. Sicherlich ist eine Firmengründung kein Freizeitparadies, doch was auch immer Sie tun, Sie tun es für Ihre eigene Firma und können selbst Entscheidungen treffen. Das ist eine enorm motivierende Ausgangslage. Und obwohl Sie in den meisten Fällen sehr viel arbeiten werden, so ist es gänzlich in Ihrer Hand, wann Sie das tun. Sie haben also einen intensiven, aber sehr flexiblen Beruf. Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Privatleben? Vereinbaren Sie es einfach!

Philipp Gramlich

 

Neugierig auf mehr? Dann lesen Sie unseren Gastbeitrag von Katharina Lange, Gründerin von gruendercheck.

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