Forschungsprojekt: Konferenzformate

Können wir faire Rahmenbedingungen für alle Delegierten einer Konferenz schaffen, unabhängig von ihrem Geschlecht? Können wir Chancengleichheit für alle Teilnehmenden erlangen, ohne jemanden zu benachteiligen? Können wir die Ursachen angehen, denen unfaire Konferenzgestaltungen zu Grunde liegen?

In diesem Forschungsprojekt versuchen wir herauszubekommen, was für Effekte neue, bisher noch weniger bekannte und standardisierte Formate auf die Konferenzerfahrungen von NaturwissenschaftlerInnen haben könnten. Daher sind wir auf der Suche nach KonferenzorganisatorInnen, die Interesse haben, fortschrittliche Formate auszuprobieren. Wir möchten besser verstehen, wie die akademischen Wettbewerbsbedingungen von Konferenzen fair gestaltet werden können (hierzu haben wir bereits einen Meinungsartikel in Chemistry World veröffentlicht). Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, naturwissenschaftliche Konferenzen als einen Bereich zu untersuchen, in welchem die Positionierung von Naturwissenschaftlerinnen effektiv und effizient verbessert werden kann. Wir streben es an, veränderte Conference Designs zu untersuchen und ggf. zu etablieren, die sich von den klassischen Formaten abheben. Konkret fragen wir uns: Was muss sich ändern, damit sich die Teilnahme von Wissenschaftlerinnen bei Konferenzen verbessert, in Bezug auf Anwesenheit und Anzahl an gehaltenen Vorträgen, aber auch in Bezug auf die Qualität des Netzwerkens? Hierbei zielen wir auf Maßnahmen ab, die ein produktives Umfeld für Interaktion und Austausch fördern und die idealerweise weder auf das eine noch das andere Geschlecht Zwang ausüben. Wir wollen uns für strukturelle Veränderungen des naturwissenschaftlichen Konferenzaufbaus einsetzen. Wir schließen uns der Verhaltensökonomin und Genderexpertin Iris Bohnet an, die davon überzeugt ist, dass besseres Design ein Weg ist, um Impulse für einen Kulturwandel zu setzen, der mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern befördert. „Durch Behavioral Design können wir einen Richtungswechsel einleiten, der auf Chancengleichheit für alle abzielt.“ (Bohnet 2016, S. 6) Unser Forschungsprojekt basiert auf der Überlegung, dass durch ein verbessertes Netzwerken von Wissenschaftlerinnen auch deren Sichtbarkeit, Positionierung und Reichweite verbessert werden kann. Wir sind der Überzeugung, dass, auf lange Sicht, Maßnahmen in diese Richtung ein wichtiger Schritt von vielen werden kann, um diverse Kluften zwischen den Geschlechtern in der akademischen Welt zu verringern.

 

Hintergrundinfo

Bei Konferenzen treffen sich ExpertInnen eines spezifischen Fachgebietes und teilen bzw. kommentieren neueste Entwicklungen. Ohne Zweifel ist dieser Prozess wegweisend für die Entfaltung jeder wissenschaftlichen Karriere. Von anderen ExpertInnen Feedback zu bekommen ist jedoch nicht der einzige Aspekt für den es sich lohnt bei einer Konferenz dabei zu sein. Eine weitere Facette ist die Gelegenheit sich gegenseitig kennenzulernen, das „meet and greet“. Beim Networking bieten Konferenzen eine Plattform für persönlichen Austausch und können den Grundstein für zukünftige Kollaborationen legen. Daher ist die regelmäßige Teilnahme ein Muss für jede ambitionierte WissenschaftlerIn. Aktuelle Studien zeigen leider, dass naturwissenschaftliche Konferenzen für Teilnehmer und Teilnehmerinnen unterschiedliche Erfahrungen bieten. Jones und KollegInnen (2014) analysierten Unterschiede in Präsentationen auf Konferenzen. Ihre Studie belegt, dass männliche Delegierte im Vergleich zu weiblichen Delegierten größere Sichtbarkeit durch das Teilnehmen an Konferenzen erlangen. Andere Studien zeigen Ähnliches auf: Männliche Akademiker bekommen nach wie vor einen Großteil des Rampenlichts von Konferenzen ab (Isbell et al., 2012) und Frauen sind oft signifikant unterrepräsentiert unter den eingeladenen Sprecherinnen (Schroeder et al., 2013).

Unsere KooperationspartnerInnen

2018 führen wir erste eigene Untersuchungen durch, um besser zu verstehen wie das Design einer klassisch naturwissenschaftlichen Konferenz umstrukturiert werden könnte, um allen TeilnehmerInnen besser gerecht zu werden. Vom 14.-16. März 2018, auf der International Conference on Spatiotemporal Organization of Bacterial Cells in Marburg, Deutschland, werden wir den Impact von privaten Mentoring Sessions und Round Table Diskussionen genauer evaluieren. Das IBB Netzwerk hat uns Daten zu Ihrer Konferenz im März 2018 zur Verfügung gestellt und nahm einige unserer Fragen in ihren Evaluationsbogen auf. Die Biochemical Society stellt uns ihre Referenzdaten von ihren Konferenzen zur Verfügung.

 

 

 

Erste Ergebnisse unseres Konferenzprojektes

Im März 2018 nahm ein Forscherteam von NaturalScience.Careers an der internationalen Conference on the Spatiotemporal Organisation of Bacterial Cells in Marburg teil. Zusamen mit dem Orga-Team ergänzten wir die klassischen Formate der Poster und Vorträge durch ein interaktives und gemeinschaftliches Format, den Round Table (RT) Discussions. Wir wollten herausfinden, ob dieses Format das Erleben einer Konferenz hinsichtlich Kommunikation und Netzwerken verändern kann, und ob sich dabei geschlechterspezifische Muster ableiten lassen. Die zentrale Frage unserer Forschung war: Wie können Konferenzen zu Ereignissen werden, die die Vorlieben aller Teilnehmenden bedienen? Können Konferenzen so verändert werden, dass strukturelle Benachteiligung, insbesondere gegen Frauen, verhindert wird? Und wie würde so eine veränderte Konferenz aussehen, eine, die allen Teilnehmenden ein besseres Netzwerken ermöglicht, ohne dabei Barrieren für weibliche Teilnehmerinnen aufzubauen?

 

Mit dem Ziel, den Einfluss des RT-Formates auf das Netzwerken zu erfassen, erstellten wir einen empirischen Datensatz für unsere Analyse. Dabei wurden Interviews mit Leitfäden, ein Fragebogen sowie Beobachtungen verwendet. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich insbesondere jüngere WissenschaftlerInnen von neuen Formaten wie dem RT angesprochen fühlen. Das Netzwerken bei den RTs wurde als ähnlich wie bei den anderen Formaten beschrieben, was möglicherweise auf Anfängerfehler bei unserer Zusammenarbeit mit dem Orga-Team zurückzuführen ist. Wir haben alles, was wir über die Durchführung solcher Formate gelernt haben, hier zusammengestellt (Sektion 2.5 auf Seite 29 ff. unseres Berichts). Für weitere Details können Sie gerne Peter Kronenberg kontaktieren (p.kronenberg@naturalscience.careers).

 

Wie geht´s weiter? Wir planen, nächstes Jahr wieder bei der Konferenz dabei zu sein, diesmal ohne die RTs. Darüber hinaus stellen wir allen Interessierten gerne die Rohdaten unserer Studie zur Verfügung (>100 Fragebögen, 5 Interview-Transkripte). Wir freuen uns darauf, zu kooperieren und Wissen über gender equality by design auszutauschen.

 

Wir sind auf der Suche nach KooperationspartnerInnen aus Sozial- Kommunikations- und Gender-Wissenschaften, die mit uns gemeinsam diese Forschung weiterbringen möchten.

Wollen Sie mitmachen?

Wir suchen nach PartnerInnen, die Interesse haben zu kollaborieren. Sie sind eine KonferenzorganisatorIn, die nach neuen Formaten sucht, um klassische Konferenzen zu beleben? Oder Sie organisieren eine Konferenz, die die klassischen Formate verwendet und wären bereit, ein paar Fragen zu ihrem Evaluationsbogen hinzuzufügen um unserer Forschung zu helfen? Oder Sie sind WissenschaftlerIn aus den Sozial- Gender- oder Kommunikationswissenschaften und neugierig darauf, die Wirkungen der neuen Konferenzformate zu evaluieren? Wenn dem so ist, dann treten Sie mit Peter Kronenberg (p.kronenberg@naturalscience.careers) in Kontakt, der das Projekt koordiniert. Alle, die Interesse an den Hintergründen der Studie haben, können gerne auch das Study Design lesen.

Quellen

Bohnet, I. (2016) What works: Gender equality by design. Cambridge: Harvard UP.

Isbell, L., Young, T., Harcourt, A. (2012). Stag parties linger: continued gender bias in a female-rich scientific discipline. PLoS ONE, 7(11):e49682. DOI 10.1371/ journal.pone.0049682.

Jones, T., Fanson, K. Lanfear, R., et al. (2014). Gender differences in conference presentation: A consequence of self selection? PeerJ, 2:e627. DOI: 10.7717/ peerj.627.

Schroeder, J., Dugdale, H. L., Radersma, R., et al. (2013). Fewer invited talks by women in evolutionary biology symposia. Journal of Evolutionary Biology, 26(9), 2063-2069.

Lesen Sie das ganze Study Design

Lesen Sie den Bericht unserer ersten Studie