Kolumne: Die Frau mit der Knarre

Ich sitze mit zwei Freundinnen, beide Teamleiterinnen, am Küchentisch. Wir sprechen über die Bewerbungen, die sie bearbeiten. Blues schallt aus den Lautsprechern. Diese Musik habe heute Morgen eine Bewerberin meiner Freundin empfohlen. „Du hast mit ihr über Hobbys gesprochen?“ frage ich. „Immer, das ist der interessanteste Teil des Interviews“, sagt sie, „die fachliche Qualifikation sehe ich im Lebenslauf. Die Person dahinter kann ich mir bei den Hobbys anschauen.“ Das stimmt, denke ich, wende aber ein: „Ich finde es in vielen Fällen besser, die Hobbys ganz aus dem Lebenslauf zu lassen.“ Geocaching, Marmelade kochen, Marmorkuchen backen – alles schön und gut. Aber auch wenn solche Aktivitäten beim Personaler keine Bedenken wegen Verletzungsgefahr hervorrufen, sehe ich keinen Grund, sieDie Frau mit der Knarre- Karin Bodewits der Welt mitzuteilen. Beide stimmen mir zu. Hobbys im Lebenslauf sind ein schwieriges Thema.

Neulich diskutierte ich mit Naturwissenschaftlern über ihre Lebensläufe. Mit einer Ausnahme hatten alle ihre Hobbys aufgeführt, und fast allen riet ich, sie rauszunehmen. Ausnahme war eine Leistungsschwimmerin, die sogar zur Nationalmannschaft gehörte. „Drin lassen. Leistungssport, Topnoten an der Uni und dann noch eine Promotion sagen viel über Ihre Persönlichkeit aus.“ Die Doktorandin, die ihre Hobbys nicht in den Lebenslauf geschrieben hatte, meldete sich zu Wort: „Ich betreibe ebenfalls Sport auf nationaler Ebene, doch habe ich mich dagegen entschieden, es im Lebenslauf zu erwähnen.“ Auf Nachfrage erzählte sie, dass sie Sportschützin sei. Eine meiner Freundinnen am Küchentisch fragt, was ich der Teilnehmerin geraten habe. „Ich würde das Sportschießen wahrscheinlich erwähnen. Als Empfängerin der Bewerbung würde ich sie dann einladen, egal wie gut qualifiziert sie ist. Allein aus Neugier.“ „Auf jeden Fall,“ stimmt meine Freundin zu. „Ich möchte wissen, wer die Frau mit der Knarre ist.”

Ein Lebenslauf soll nicht nur zeigen, dass Sie die richtige Besetzung für die Stelle sind, sondern auch Interesse an Ihnen wecken. Was macht Sie als künftigen Kollegen interessant? Hobbys können genau das sein, was Sie aus der Menge an Bewerbern hervorstechen lässt. Sie können damit etwas Besonderes hervorheben, das sonst verborgen bliebe. Bei der Schützin etwa merkte man im persönlichen Kontakt erst auf den zweiten Blick, wie viel Entschlusskraft und Zielstrebigkeit in ihr steckten – Eigenschaften, auf die sie mit ihrem Hobby hinweisen kann. Aber es kann genauso gut mehr über Sie offenbaren, als Ihnen lieb ist.

 

Karin Bodewits ist Biochemikerin, Autorin von „Karriereführer für Naturwissenschaftlerinnen – Erfolgreich im Berufsleben“, Seminarleiterin und Mitgründerin von NaturalScience.Careers, eines Unternehmens für Karriereberatung und Soft- Skill-Seminare für Naturwissenschaftler. Für die Nachrichten aus der Chemie schreibt sie in unregelmäßigen Abständen über ihre Tätigkeit. k.bodewits@naturalscience.careers

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