Karrierekolumne: Versteckte Schätze

Außer wissenschaftlicher Brillanz, die aus jeder Zeile hervorscheint, geben seine Dokumente so gar keinen Anhaltspunkt, um im Bewerbungsanschreiben eine interessante Geschichte zu bringen.

Ein Chemiker will nach seiner Habilitation noch den Übergang in die Industrie schaffen. Ich hatte mit ihm ein Coaching vereinbart und soll mit ihm seine Dokumente überarbeiten und seine Bewerbungsstrategie verfeinern. „Das wird eine harte Nummer“, denke ich, als ich über seinem Lebenslauf brüte. Außer wissenschaftlicher Brillanz, die aus jeder Zeile hervorscheint, geben seine Dokumente so gar keinen Anhaltspunkt, um im Bewerbungsanschreiben eine interessante Geschichte zu bringen. Beim Punkt „Mitglied in Fachgesellschaften“ im Lebenslauf denke ich zunächst:„Kann raus“. An wen jemand Beiträge zahlt, interessiert niemanden. Doch er hat einen zweiten Lebenslauf mitgeschickt, den ich ebenfalls prüfe. Dort steht anstKarriere Kolumne Philipp Gramlich NaturalScience.Careersatt „GDCh-Mitglied“ nun „Ortsverbandsvorsitzender GDCh“, und das seit zwei Jahren. Diesen Punkt müsste der Bewerber mit Ereignissen anreichern, kommentiere ich. Entweder er hat ihn beim ersten Lebenslauf übersehen oder es ist eine Form von Tiefstapelei.

Im Gespräch über diesen Punkt kommt dann die Antwort:„Wir haben hier fast nichts zustande gebracht, es gab lediglich mal einen Vortrag von Herrn X von Firma Y, der die analytische Technik Z entwickelt hat, da kamen dann auch einige Vertreter aus anderen Firmen, nicht nur unser Ortverband.“ Diese Bescheidenheit ehrt ihn zwar, wird aber sicher zu Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt führen. Ich rate ihm, Verbandsaktivitäten im Lebenslauf anders darzustellen, etwa: „GDCh-Ortsverbandsvorsitzender, verantwortlich für A, B und C. Einführung der Vortragsreihe „Chemiker in der Industrie“ mit Sprechern wie Dr. X von Y.“

Servieren Sie dem potenziellen Arbeitgeber, was Sie von anderen Bewerber unterscheidet und nicht, worauf Sie besonders stolz sind.

Und wichtiger noch: Der Bewerber kann dies als Aufhänger nehmen, um ein Anschreiben zu verfassen, das einen Bewerbungsempfänger in der Industrie wirklich interessiert. Wenn er sich beispielsweise bei einem der Unternehmen, die an dem Abend anwesend waren, bewerben möchte, sollte er sich gleich am Anfang auf diese Veranstaltung beziehen. Wenn er sich bei einem der Anwesenden über das Unter- nehmen informiert hat, dann darf er diesen vielleicht im Anschreiben erwähnen.

In fast jedem Lebenslauf sind Schätze versteckt – als Bewerber sollten Sie sie teilen: Servieren Sie dem potenziellen Arbeitgeber, was Sie von anderen Bewerber unterscheidet und nicht, worauf Sie besonders stolz sind. Die scheinbar kleinen Erfahrungen außerhalb des Labors sind oft wichtiger als die dreizehnte analytische Technik, die Sie beherrschen und noch in das Anschreiben quetschen.

Philipp Gramlich

Nachrichten aus der Chemie, Februar 2016

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