Eine typische Falle

Am Forschungsinstitut kündigt ein Banner den „Career day for young scientists” an, der ein paar Tage später stattfinden soll. Nachwuchswissenschaftler haben ein tolles Programm zusammengestellt: Sprecher von Pharmariesen, Biotechunternehmen, aus dem Patentrecht und einem Start-up werden dabei sein. Als eine Doktorandin aus meinem Seminar „Women and Career“ dann am späten Nachmittag berichtet, dass sie dieses Meeting organisiert hat, bKarin Bodewits_Nachrichten aus der Chemie_ April 2016in ich überrascht, dass sie erst jetzt davon erzählt. Ich hatte diesen Karrieretag bereits mehrmals während unseres Seminars erwähnt: als Paradebeispiel für eine Veranstaltung, bei der man Kontakte außerhalb der Uni aufbauen und Visitenkarten ergattern kann. Auch sei die Organisation einer solchen Veranstaltung eine tolle Gelegenheit, den eigenen Lebenslauf zu bereichern. Vielleicht hielt es die Doktorandin für nicht angebracht, zu erwähnen, dass sie selbst die Organisatorin ist.

Ich werde die Vorträge nicht moderieren, ich bin keine gute Sprecherin

Interessiert frage ich sie, welchen der Sprecher sie ankündigen würde und ob sie diese zufällig ausgewählt oder potenzielle Arbeitgeber bevorzugt hätte. „Ich werde die Vorträge nicht moderieren, ich bin keine gute Sprecherin“ sagt sie. Ich bin überrascht. Oder vielleicht enttäuscht, weil sie auf meine Frage antwortet wie viele andere Naturwissenschaftlerinnen. „Sie werden gar keinen Vortrag anmoderieren?“ frage ich, „wer dann?“ „Ein Kollege aus meinem Labor“, antwortet sie. Ich frage nach, ob er an der Organisationbeteiligt sei. Ist er nicht. „Sie haben also wirklich diesen fantastischen Karrieretag organisiert, um dann selbst am Kaffeeausschank zu stehen und Ihrem Kollegen die Lorbeeren zu überlassen?“ frage ich nach. Das ist natürlich nicht ihre Absicht. Aber genau das wird passieren. Der Mensch auf dem Podium steht im Scheinwerferlicht, er wird derjenige sein, den die Leute im Anschluss ansprechen werden.

Der Mensch auf dem Podium steht im Scheinwerferlicht, er wird derjenige sein, den die Leute im Anschluss ansprechen werden.

Eine typische Falle, in die besonders Frauen immer wieder tappen. Sie denken oft – oder hoffen zumindest –, dass jemand ihre Erfolge und Fähigkeiten entdeckt, sie anerkannt und wertschätzt, ohne dass sie selbst dafür im Rampenlicht stehen oder irgendeine Form von Selbstmarketing betreiben müssen. Män ner hingegen sind viel direkter darin, zu erzählen, was sie gemacht haben und wonach sie suchen.

Die Moderation muss gar nicht atemberaubend sein, sage ich der Doktorandin. Das wichtigste ist, dass sie selbst dort steht und mindestens einen Vortrag moderiert. Sie muss sich präsentieren, zeigen, was sie geleistet hat. Denn Anerkennung kommt nicht von alleine.

 

Karin Bodewits ist Biochemikerin, Autorin von „Karriereführer für Naturwissenschaftlerinnen – Erfolgreich im Berufsleben“, Seminarleiterin und Mitgründerin von NaturalScience.Careers, eines Unternehmens für Karriereberatung und Soft- Skill-Seminare für Naturwissenschaftler. Für die Nachrichten aus der Chemie schreibt sie in unregelmäßigen Abständen über ihre Tätigkeit. k.bodewits@naturalscience.careers

Nachrichten aus der Chemie, April 2016

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