Das Bewerbungs-Timing

Kürzlich stand in einem Leserbrief in dieser Zeitschrift, dass ein Chemiker mit gutem Netzwerk seine Bewerbungen
nur „pro forma“ schreiben müsse. Ob Sie Ihre Bewerbungen nun pro forma oder ernsthaft schreiben, in jedem Fall stellt sich die Frage: Wann sollte ein Chemiker mit dem Verfassen von Bewerbungen beginnen? Bei größeren Firmen dauert es zwischen dem Abschicken der Bewerbung und dem ersten Arbeitstag meist mehrere Monate. Bei kleineren Firmen, bei denen Sie oft nur eine einzigen Interviewrunde direkt mit der Geschäftsführung absolvieren, kann es mitunter schneller gehen. Wenn dem Arbeitgeber die Zeit davonläuft, etwa wenn die Vorgängerin die Firma verlässt, kann Ihr Einstieg nicht schnell genug sein.

Kann man sich zu früh bewerbTimeen? Manche Absolventen haben scheinbar den Luxus, dass sie schon ein Angebot
in der Tasche haben, bevor sie die letzte Prüfung abgelegt haben. In vielen Fällen können Sie ohne Doktortitel
einsteigen, wiegen sich bald in der trügerischen Gewissheit, dass es ohne geht und verzichten ganz darauf. Vielleicht legt der Arbeitgeber aber doch Wert auf den Titel, und drei Beförderungsrunden später bemerken Sie, dass Sie immer in der zweiten Reihe stehen. Wenn Sie sich dann bei einem anderen Arbeitgeber bewerben, wird es Ihnen schwer fallen, die Beinahe-Promotion zu erklären. Und auch die Prüfung selbst wird dann zu einer Hürde, da Sie nach einiger Zeit thematisch wie auch vom persönlichen Kontakt her an Ihrer Alma Mater keinen Heimvorteil mehr haben.

Wann bewerben Sie sich zu spät? Genau dann, wenn Sie länger arbeitslos sind, als es Ihnen recht ist.

Wählen Sie das Timing daher so, dass Sie bei einem schnellen Angebot positiven Druck für den Abschluss Ihrer Promotion erfahren, aber nicht Gefahr laufen, die Prüfung um Jahre zu verschieben. Beginnen Sie mit dem Bewerben bei größeren Arbeitgebern sechs bis neun Monate, bei den Kleineren drei bis sechs Monate vor dem gewünschten Arbeitsbeginn.

Wann bewerben Sie sich zu spät? Genau dann, wenn Sie länger arbeitslos sind, als es Ihnen recht ist oder wenn Sie einen Bequemlichkeits-Postdoc beginnen. Gegen Ende der Promotion haben Sie nicht genug Zeit für Bewerbungen? Dann sehen Sie die Situation verkehrt. Auch wenn Ihr Betreuer drängelt, müssen Sie Raum für Ihre Bewerbungen schaffen: Wenn Sie Ihre Prüfung dadurch später ablegen, ist das für Sie und die Leser Ihrer Bewerbungen positiver, als wenn Sie in dieser Zeit arbeitslos sind.

Nutzen Sie die Angebote an Unis, von Firmen, bei Jobmessen, um an Ihren Bewerbungsunterlagen zu feilen. Bewerben Sie sich für Summer Schools und Workshops bei größeren Firmen – im Erfolgsfall haben Sie dadurch neben all den anderen Vorteilen noch die sichere Rückmeldung, dass Ihre Bewerbungsunterlagen einem Auswahlverfahren standhalten.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Der Text wurde im Original in den Nachrichten aus der Chemie veröffentlicht: 2016,Heft 11

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